Häuser aus Stroh - CO2-neutral bauen, energieeffizient & gesund wohnen, regionale Wirtschaft stärken und dabei Geld sparen!

ID: 52
Erstellt von Hannes Steinhilber am 09.12.2015 um 23:10 Uhr
Stadtplanung und Stadtentwicklung Zukunftsbeständige lokale Wirtschaft Klima und Energie

Betrachtet man nicht nur lediglich die Nutzungsphase eines „Energiespar-” oder „Plusenergie-”Hauses, sondern den gesamten Lebenszyklus (von der Wiege bis zur Bahre), so fallen die graue Energie und der „Ökologische Rucksack“ zur Erzeugung sämtlicher Baustoffe ebenso ins Gewicht, wie auch der Energieaufwand und die Kosten, welche am Ende der Nutzungsphase für Abbruch, Rückbau, Recycling, Entsorgung und „Zwischenlagerung auf Sondermülldeponien“ anfallen. Baustoffe aus nachwachsenden Rohstoffen werden daher in Zukunft eine größere Bedeutung erfahren.

Nicht alleine deshalb wird heutzutage wieder mehr mit Stroh, Holz & Lehm gebaut. Der Strohballenbau stellt dabei die “ultima ratio” beim konsequent nachhaltigen Bauen & Wohnen dar. Anders als bei dünnen Fachwerkwänden werden im „modernen“ Strohballenbau kleine Quaderballen, 35cm breit, zur Dämmung von Wänden, Böden und Dächern eingesetzt. Beidseitig verputzt mit Lehm (innen) & Kalk (außen) bieten sie die perfekte Gebäudehülle für ein optimales selbstregulierendes Raumklima, isolieren vor Hitze und Kälte und sind ein unglaublich preiswertes, regional verfügbares Baumaterial! Dass Strohballenhäuser weder brennen, noch schimmeln oder von Mäusen aufgefressen werden, zeigen eindrucksvoll die vielfältigen realisierten Beispiele aus aller Welt.

Seit kurzem sind Baustrohballen auch in Deutschland als standardisiertes Baumaterial anerkannt und es liegt die „Allgemeine bauaufsichtliche Zulassung“ vor - bisher war noch immer eine Genehmigung im Einzelfall nötig. Aber auch das komplizierteste Baurecht der Welt, kennt nun dieses Baumaterial an. Seine Feuer- & Feuchteresistenz wurde ausführlichst geprüft. Somit können nun auch mehrgeschossige Bauwerke (Gebäudeklasse 4) mit Strohballendämmung und entsprechendem Verputz hochfeuerhemmend realisiert werden.

Die Vorteile detailliert im Überblick:

• Stroh ist der ökologisch & baubiologisch beste Baustoff zum Dämmen von Häusern. Mit einer ballenstarken Wand von ca. 35 cm Dicke erreicht man schon Passivhausstandard. Anders als bei vielen konventionellen „Passivhäusern“ wird jedoch kein hochindustrielles und erdöllastiges Material, sondern erneuerbare Biomasse vom Bauern aus der Region verwendet.
• Stroh isoliert unglaublich gut, hohe Heizkosten gehören damit der Vergangenheit an! In den Schweizer Alpen baute Architekt Werner Schmidt bereits 2001 auf 1.200 m Meter Höhe mit besonders dicken Strohwänden und Glassüdseite, der Ofen ist hier auch bei Wintern bis -30° nicht nötig! (¹,²)
• Stroh ist preiswert, da es als Landwirtschaftliches Nebenprodukt beim Getreideanbau ohnehin anfällt (keine Flächenkonkurrenz zur Nahrungsproduktion) und vom Landwirt direkt auf dem Feld mit der gewöhnlichen Strohballenpresse zum Baustoff gepresst wird. In der Landwirtschaft wird das anfallende Stroh immer weniger genutzt und bekommt so eine neue sinnvolle Verwertung.
• Stroh stärkt die regionale Wirtschaft, Bauern bekommen Geld für ihr „Nebenprodukt“ Stroh (statt überregionale Konzerne) und beim Bau der Häuser ist echtes Handwerk gefragt. Daher sind sie trotz der geringeren Materialkosten nicht per se billiger, ein großer Teil des Geldes verbleibt für die Handarbeit von Facharbeitern in der Region, statt in teure Industrieprodukte wird in lokale Arbeitsplätze investiert. Beim Einsetzten der Ballen und beim Auftragen von Innenputz kann aber auch selbst Hand angelegt werden (Eigenleistung, Nachbarschaftshilfe oder Selbstbau-Initiativen) und somit Baukosten eingespart werden.
• Stroh hat eine lange Tradition, wenn auch kaum bekannt, wurde bereits seit mindestens 1850 in Amerika mit Strohballen gebaut. Noch heute existieren solche Häuser, es lässt sich also auch auf lange Sicht ökonomisch, ökologisch und sozial nachhaltig für mehrere Generationen bauen – ohne eine Nachnutzung oder Entsorgungsprobleme aufzuzwingen, denn....
• Stroh ist am Ende der Nutzungsphase wieder kompostierbar, und auch der Lehm und das Holz können problemlos in die Natur zurückgegeben oder wiederverwendet werden. Jährlich fallen allein in Deutschland durch Gebäudeabriss & „Entsorgung“ ca. 400.000 Tonnen Bauschutt an (³) - Müllberge die unsere Zukunft lange belasten (je nach Quelle deutlich mehr, vergl. 10.000 Häuser Abriss pro Jahr in Deutschland mit 80 Mio Tonnen Bauschutt jährlich (²)).
• Stroh ist ein unbehandeltes Naturmaterial -> Keine Schadstoffbelastung im Wohnraum. Lehmputze absorbieren außerdem noch Schadstoffe aus der Luft und sorgen durch ihre Feuchteregulierung für ein ausgewogenes Wohlfühlklima in geschlossenen Räumen.
• Stroh ist erneuerbar, es fällt als nachwachsender Rohstoff jedes Jahr aufs neue in großen Mengen an. Auch der Lehm ist frei verfügbar (wenn auch eine langfristig begrenzte Ressource), immer noch viel besser als Sand (für Beton & zementbasierte Baustoffe), für den heute schon die Meeresböden abgesaugt werden oder erdölbasierte Baustoffe. Außerdem sind Lehmbaustoffe als ungebrannte Baustoffe immer wieder aufs Neue verwertbar, eingeweicht und frisch aufbereitet können sie einfach wiederverwendet werden.
• Neben der Primärenergie wird zunehmend die CO2-Bilanz eines Baustoffes wichtig werden: Holz und in besonderem Maße schnellwachsendes Stroh speichern beim Wachstum CO2, so wird das Haus schon beim Bau zum CO2-Speicher. Durch den sehr geringen Heizwärmebedarf wird die CO2-Bilanz weiter verbessert. Während die Herstellung einer EPS-gedämmten Stahlbetonwand die Atmosphäre mit 84 kg/m² CO2 verschmutzt, entlastet eine Strohballenwand hingegen die Atmosphäre mit ca. 83 kg/m² CO2 (⁴). Ein Strohballenhaus leistet somit dreifachen Klimaschutz: Kohlendioxidspeicherung beim Wachstum + Kohlendioxidminimierung bei der Herstellung von Strohballen + Kohlendioxidvermeidung beim Gebäudebetrieb (⁵)!
• In Frankreich wird seit ein paar Jahren bei vielen öffentlichen Bauvorhaben (Schulen, Behörden...) durch staatliche Förderung auf Stroh gesetzt, um die Klimaziele des Landes zu erreichen. (⁶) In Deutschland nimmt unter anderem die Stadt Verden (Aller) eine Vorreiterrolle ein (⁷). Auch Freiburg könnte helfen, dem Stroh in der Region und in Deutschland seine angemessene Bedeutung als Baustoff und Klimaschützer zu geben.

Freiburg könnte auf den anfahrenden Zug aufspringen und hier in Süddeutschland eine Vorreiterrolle einnehmen und die Verwendung von Stroh als Baustoff aktiv fördern: Durch Verbreitung des Wissens mittels Infomaterialien & Veranstaltungen bei den zukünftigen Baugebieten, durch Ausweisung von Sonder-Baugebieten für Modellprojekt-Quartiere, durch Verwendung bei eigenen städtischen und Stadtbau Projekten und durch finanzielle Förderung. Letzteres wäre aber auch gar nicht nötig, wirtschaftlich ist der Strohballenbau bereits, lediglich noch viel zu unbekannt. Mit dem Fachverband Strohballenbau Deutschland (FASBA e.V.) gibt es einen kompetenten Partner, der bei der Vermittlung des Wissens und der Fachleute aktiv mithilft. Die Stadt Freiburg müsste nur die Schnittstelle zu den zukünftigen Bauherr*innen ermöglichen.

Insgesamt sehen wir für den Strohballenbau auch im Dreiländereck ein großes Entwicklungspotential!

Momentan können die vielen beim FASBA eingehenden Anfragen interessierter Bauherr*innen deutschlandweit garnicht umfassend bedient werden. Es braucht mehr dezentrale Kompetenzzentren für nachhaltiges Bauen in den Regionen. Dem Standort Freiburg wird dabei für eine Vernetzung der Akteure aus Forschung, Wirtschaft und Unternehmen mit überregionaler Ausstrahlung große Bedeutung zugeschrieben.
Die Aus- & Weiterbildung von Fachhandwerker*innen zur „Fachkraft Strohballenbau“ sollte auch in unserer Region verankert werden. Weiterbildungsangebote für Architekt*innen, Tragwerksplaner*innen & Energieberater*innen müssten organisiert werden.
Um gutes Baustroh für den gewünschten Strohboom regional in großen Mengen verfügbar zu machen braucht es auch in Süddeutschland neue Netzwerke zwischen Forschung, Landwirtschaft und Unternehmen.

VISION:
Wenn wie geplant im neuen Freiburger Stadtteil Dietenbach (oder je nach Entwicklung anderswo) neuer Wohnraum für 10.000 Menschen geschaffen wird (⁸), und dabei 50% der Wohnungen mit strohgedämmter Bauweise ausgeführt würde (gemäß dem neuen “Freiburger Stroh-Standard” ;-), hätte das Projekt bereits bei Fertigstellung eine positive CO2-Bilanz von ca 18.000 Tonnen eingelagertes CO2 - allein nur in den Stroh-Bauteilen der Außenhülle.
Die gleiche Baumaßnahme in konventioneller Stahlbetonbauweise mit EPS-Dämmung würde bereits bei Fertigstellung mit einer zusätzliche Negativbilanz von ca. 18.200 Tonnen CO2 die Atmosphäre belasten. Wir haben also einen Vorteil von über 36.000 Tonnen CO2 vor Bezug!
Bei konsequentem Einsatz von modernsten Stroh-Produkten bei Innenwänden, Türen, Boden und Dach, könnte dieser Wert übrigens auch verdreifacht werden... Hier besteht auch noch weiteres Entwicklungspotential für neue Produkte.

Die Strohhäuser (i.d.R. Energieeffizienz-Standard 40 oder Passivhaus) könnten damit 50 Jahre lang beheizt werden, bis sie den CO2 Ausstoß erreichen, den das Konventionelle Haus am Tag der Fertigstellung bereits verursacht hat. (⁹)

Somit könnte Freiburg seinen CO2 Ausstoß nachhaltig reduzieren und “nebenbei” auch noch die lokale Wirtschaft Stärken (Landwirt*innen, Handwerker*innen, Planer*innen - es bleibt mehr Geld in der Region, insbesondere durch eine höhere Wertschöpfung beim regionalen Handwerk und Baumaterial. Steuereinnahmen sind hier wohl der geringste Gemeinwohlfaktor) und vielen Familien ein traumhaftes und günstiges Wohnklima schenken!

Als gemeinnütziger Verein Transition Town Freiburg bieten wir gerne an, die Stadt Freiburg in Zusammenarbeit mit dem gemeinnützigen Fachverband Strohballenbau FASBA e.V. zu unterstützen, den Strohballenbau in Freiburgs neuen Wohngebieten zu etablieren. Da in und um Freiburg und in der Oberrheinregion bereits eine rege Vernetzung stattfindet - zwischen FASBA-Mitgliedern und Landwirt*innen, Handwerker*innen und Planer*innen - würde ein Interesse seitens der Stadt Freiburg auf fruchtbaren Boden fallen.

Wir würden uns sehr freuen, wenn wir mit diesem Projekt zusammen mit der Stadt Freiburg deutlich mehr Nachhaltigkeit in zukünftigen Bauprojekten ermöglichen und regionale Wirtschaft und Handwerk nachhaltig stärken können.

Weiterführend:
Fachverband Strohballenbau Deutschland - www.fasba.de
Norddeutsches Zentrum für Nachhaltiges Bauen - www.nznb.de
Film "MODERNER STROHBALLENBAU - Stroh im Kopf Teil 2" - www.oekofilm.de

Quellen:
(1) http://www.atelierwernerschmidt.ch
(2) Film “Stroh im Kopf” http://oekofilm.de
(3) http://www.umweltbundesamt.de/daten/abfall-kreislaufwirtschaft/entsorgung-verwertung-ausgewaehlter-abfallarten/bauabfaelle
(4) http://www.biwena.de/weiterbildung-fachkraft-strohballenbau-fasba/
(5) http://www.architekt-scharmer.de/12-vorteile-von-stroh.html
(6) www.esbg2015.eu
(7) http://www.nznb.de/Hintergrund.html
(8) www.freiburg.de/stadtteil-dietenbach
(9) http://www.architekt-scharmer.de/oekobilanz.html

Kommentare (1)

Hannes Steinhilber

09.12.2015 23:13

PS: Wir unterstützen die Idee

“Ohne Schornstein und Auspuff. Ein autofreier Plusenergie-Stadtteil für Freiburg”

… und helfen gerne sie in Strohballenbauweise zu realisieren!

https://zukunftsstadt.freiburg.de/ecm-politik/freiburg/de/mapconsultation/47788/single/proposal/15/back/grid